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Anmerkungen

zur neuen Grippe
von Dr. med. Klaus Mohr

Seit Mai 2009 war über die neue Grippe („Schweinegrippe“) viel zu hören und zu lesen – und bereits im Juni wurde die Krankheitswelle zur Pandemie erklärt. In der Flut von Veröffentlichungen waren aber einfache, konkrete Informationen ziemlich rar. Was Sie zu dieser Krankheit wirklich wissen sollten, was Sie zum Schutz und zur Linderung tun können, finden Sie hier in der ReformRundschau.

1. Die Virusgrippe („Influenza“ = „echte Grippe“) tritt alljährlich vor allem in den Wintermonaten Januar und Februar auf. Alljährlich erkrankt etwas weniger als ein Zehntel der hiesigen Bevölkerung am Grippevirus.

Wegen des meist ziemlich harmlosen

Verlaufs werden diese Infektionen nur teilweise von den gewöhnlichen, sehr häufigen Erkältungskrankheiten unterschieden.

Bei Menschen mit chronischen Vorerkrankungen sowie im Alter kann die „echte“ Grippe aber gefährlich werden, mit Komplikationen und bakteriellen Sekundärinfektionen.

Wenn von den Menschen einer Region mehr als zehn Prozent erkrankt sind, spricht man von Epidemie, bei weltweiter Ausbreitung von Pandemie. Das Grippevirus ist allerdings nur mit seinen Wirten mobil.

2. Erreger der Grippe sind die Influenzaviren. Das sind Viren, die aus einer Proteinhülle mit antennenartigen Fortsätzen (Spikes) und einsträngiger, achtfach segmentierter RNA (als Genom) im Inneren bestehen. Serologisch sowie von der Pathogenität können drei „Sorten“ (Gattungen) unterschieden werden: Influenzavirus A, B und C. Das Influenzavirus C kann Menschen oder Schweine infizieren. Es verfügt über keine Neuraminidase (siehe unten), daher ist es wenig pathogen. Das Influenzavirus A kann mit relativ wirtsspezifischen Untertypen vor allem Wasservögel, Geflügel oder Säugetiere (Schwein, Pferd) oder den Menschen befallen. Der alljährliche Ausbreitungserfolg von Influenzavirus A resultiert vor allem aus Mutationen bzw. Umgruppierungen ihres Genoms. Infolge dieser sporadischen Veränderungen kann das „neue“ Virus zu einer Grippe führen, auch wenn von früheren Infektionen her bereits Immunität gegen bisherige Influenza- A-Viren besteht. Diese Veränderung (Antigen-shift) kann auch durch Austausch, beispielsweise zwischen menschenpathogenen und schweinepathogenen Influenzaviren bei parallelem Eindringen in einen Wirt entstehen. Bei der Vogelgrippe war so ein Austausch mit resultierender Infektiosität im Menschen befürchtet worden, aber nur sporadisch mit „Superinfektionen“ entstanden. Ein Virologe kommentierte humorvoll dazu, eine Vogelgrippe-Epidemie bei Menschen könne vielleicht ausbrechen, wenn ein grippekranker Mensch auf seinem Nachttisch ein grippekrankes Huhn hielte. Tatsächlich sind – in Abständen von etlichen Jahren – Epidemien und Pandemien von Influenza-A-Viren ausgelöst worden, deren Antigenität, d.h. deren Erkennbarkeit für das Immunsystem sich verändert hatte. Diesen Veränderungen versuchen die jährlich neu angepassten Antigene der Grippe-Impfstoffe zu begegnen.  

3. Geimpft wird zur Verhütung bzw. Linderung der erwarteten Influenza-A-Viren. Die Schutzquote Reduktionsquote) bei den Geimpften beträgt 70–90 Prozent. In Deutschland wird jährlich rund ein Viertel der Bevölkerung geimpft. Damit wird das individuelle Risiko, an Influenzaviren zu erkranken, und deren epidemische Ausbreitung reduziert. Einen absoluten, hundertprozentigen Schutz schafft die Impfung nicht, das kann keine Maßnahme leisten. Vor allem für Menschen mit chronischen Vorerkrankungen (Atemwege, Herz, Kreislauf, Immunsystem) ist aber schon der relative Schutz durch die Impfung wichtig. Selbstverständlich darf die Impfung bei individuellen Gegenanzeigen, vor allem bei Allergien gegen die Inhaltsstoffe nicht angewendet werden. Bei Beachtung der Kontraindikationen und sorgfältiger Durchführung ist das Impfrisiko geringer als der Nutzen. Dennoch gibt es in Deutschland mehr Impfgegner (teilweise mit Vorurteilen von früheren, schlechtverträglichen, gefährlicheren Impfstoffen) als reale Impfrisiken. Selbstverständlich sind alle möglichen Bedenken ernst zu nehmen. Dabei sollte jedoch neben dem individuellen auch der soziale Nutzen bewusst sein: jede Einzelimpfung trägt zur Begrenzung von Grippe-Epidemien bei. Allerdings werden Impfstoffe gegen das neue Influenza A/H1N1/2009 Virus erst ab Ende Oktober dieses Jahres in (knapp) ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Ziemlich kleinkariert ist das Theater mancher Krankenkassenfunktionäre um die Impfkosten. Die Grippeimpfung ist nicht sehr teuer (ca. 20 Euro/Impfdosis

und Impfung) und kann viele Komplikationen (und Folgekosten) ersparen.

4. Selber werde ich mich (auf eigene Kosten) impfen lassen, um möglichst arbeitsfähig zu bleiben – und vor allem, um nicht als potenzieller Wirt das Virus zu vermehren und zu verbreiten.

5. Manche Patienten berichten, nach einer früheren Grippeimpfung hätten sie „erst richtig“ die Grippe bekommen: wochenlang, monatelang. Aber meistens wurde das nicht genau diagnostiziert. Der mögliche Zusammenhang bleibt fragwürdig. Tatsächlich sind vollständige, vermehrungsfähige Influenzaviren in derzeitigen Grippeimpfstoffen

gewiss nicht vorhanden, sondern Virusfragmente (Bruchstücke, Subunits), die das Immunsystem vorab informieren, aber gewiss nicht selber infektiös sind. Die Fragmente stammen von definierten Virusstämmen, die in unterschiedlichen Wirtszellen (z.B. in bebrüteten Hühnereiern) gezüchtet wurden. Manche Impfstoffe enthalten zusätzliche Immunverstärker, die potenziell auch unerwünschte Immunreaktionen hervorrufen können. Allerdings sollte die Impfung weniger überschießende Immunreaktion provozieren als eine Infektion mit dem Wildvirus.

6. Die Infektiösität und Wirkspezifität der Grippeviren, aber auch ihre Erkennbarkeit für das Immunsystem wird hauptsächlich bestimmt von zwei Glykoproteinen der Virushülle: vom Hämagglutinin und von der Neuraminidase. Mit dem Hämagglutinin heftet sich das Virus an die Wirtszelle an und dringt in sie ein, um sich im Zellinnern vermehren zu lassen. Das Hämagglutinin ist ziemlich wirtsspezifisch, daher wird mit einem Hämagglutinin-Typ zum Beispiel der Mensch leicht infiziert, aber Vögel oder Schweine kaum. Bei anderen Hämagglutininen ist die Infektiosität hingegen vogel- oder schweinespezifisch. Wegen der unterschiedlichen Wirtsrezeptoren gibt es kein „universelles“ Hämagglutinin. Die Neuraminidase bewirkt die Ausschleusung der replizierten Viren aus den Wirtszellen und damit die Ausbreitung der Viren.

Zudem unterdrückt die Neuraminidase einen Teil der Immunfunktionen des Wirtsorganismus. Insgesamt wurden bei den unterschiedlichen Influenza-A-Viren sechzehn verschiedene Hämagglutinin-Typen (H1–H16) und neun Neuraminidase-Typen (N1 bis N9) identifiziert. Die bisher identifizerten Influenzaviren werden mit dem Typ (A, B oder C), dem Ort des erstmaligen Auftretens, einer fortlaufenden Nummer, dem Jahr der Identifizierung und (zum A-Virus) den H- und N-Subtypen gekennzeichnet. Erreger der zum Herbst/Winter 2009 befürchteten Pandemie ist ein Influenza A (H1N1)-Virus, das im April dieses Jahres in Mexiko sowie in Kalifornien in Rachenabstrichen von erkrankten Menschen (und nicht beim Schwein) entdeckt wurde. Dieses neue Virus wird effektiv von Mensch zu Mensch übertragen – und wahrscheinlich nicht vom Schwein auf den Menschen oder vom Menschen auf das Schwein. Die Bezeichnung „Schweinegrippe“ ist daher irreführend – ist nur historisch zu verstehen: Das erste Influenza-A-Virus, das (im Jahr 1930, in Iowa/USA) beim Schwein entdeckt wurde, war ebenfalls vom H1N1-Subtyp, aber nicht identisch mit dem neuen Virus, vor allem nicht identisch mit dessen Pathogenität im Menschen. Bisher ist der Schweregrad sowie die Komplikationsquote der neuen Grippe nicht massiver als frühere Epidemien. Ein neues Phänomen war jedoch die Ausbreitung bereits im Sommer. Daher ist in den Wintermonaten mit hohen Ansteckungsquoten zu rechnen, soweit in der Bevölkerung noch keine spezifischen Antikörper gegen das Influenza A (H1/N1/2009)-Virus vorhanden sind: Von Impfungen oder Infektionen aus Vorjahren besteht keine Immunisierung gegen das neue Virus. So kann erstmals in der Medizingeschichte eine wahrscheinliche Pandemie schon vor ihrem Ausbruch prognostiziert – und vielleicht abgeschwächt – werden. Die wirksamste Methode zur Eindämmung dieser Pandemie wäre die Impfung gegen das neue Virus (mit einer Impfquote von mindestens 35 Prozent der Bevölkerung) vor dem Ausbruch. Damit würden die Geimpften individuell geschützt (mit einer Wirksamkeit von 70–90 Prozent) und die Ausbreitung würde (je nach Impfquote) vermindert: Wer geimpft ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das Virus nicht in sich vermehren und nicht weiterreichen. Allerdings werden die spezifischen Impfstoffe erst relativ spät (im Herbst 2009) in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Die Ansteckung mit dem neuen Grippevirus geschieht von Mensch zu Mensch. Beim Niesen und Husten infizierter Mitmenschen werden völlig ungewollt (jedoch manchmal fahrlässig) winzige virushaltige Schleimtröpfchen ausgestoßen. Die Exspirationströpfchen schweben in der Umgebungsluft und sinken innerhalb eines Radius bis zu zwei Metern langsam zu Boden. In trockener, warmer Luft (in geheizten Räumen) nimmt die Feuchte (und damit das spezifische Gewicht) der Tröpfchen ab, wodurch sie (als Aerosol) länger und weiter wirbeln. Die enthaltenen Grippeviren bleiben stundenlang ansteckungsfähig. Daher ist geheizte, trockene Raumluft ein Ausbreitungsfaktor. Wenn ein Mitmensch, der noch nicht über spezifische Antikörper verfügt, die virushaltigen Tröpfchen oder Aerosole mit der Atemluft aufnimmt, können die darin befindlichen Viren sich an dessen Schleimhautzellen anheften, eindringen und innerhalb dieser Zellen stark vermehrt werden. Die enorme Vermehrung der Grippeviren geschieht nur in empfänglichen Wirtszellen (niemals außerhalb solcher Zellen). Unmittelbar nach der Erstinfektion entstehen da sehr schnell (innerhalb weniger Stunden, in kaum einem Tag) sehr viele Viruskopien. Die nachgebildeten, vermehrten Viren verlassen nun ihre ersten Wirtszellen und breiten sich im Organismus (in weiteren Körperzellen) und außerdem (vor allem transportiert durch Niesen und Husten) auf weitere Wirtsorganismen der Umgebung aus. Der Neuinfizierte ist nun – bis zur Bildung seiner blockierenden Immunglobuline – selber infektiös: ungefähr 5 Tage lang; bei schwachem Immunsystem länger. In dieser Phase kann das Weiterreichen der Infektion mit virusdichten und adsorbierenden Filtern auf Mund und Nase der Infizierten reduziert werden. Diese Filterung ermöglicht jedoch keinen absoluten Schutz. Manche Aktionen im Gesundheitswesen erwecken den Eindruck, als ob es neben der (vielleicht) bevorstehenden Grippe-Epidemie keine anderen Krankheiten und Probleme gebe. So haben etliche Gesundheitsämter schon ziemlich überreagiert: Beispielsweise wurden in Niedersachsen zwei Hausarztpraxen von Amts wegen zeitweise völlig gesperrt, weil bei Patienten nach Mallorca-Reisen Influenza-A-Viren (2009) festgestellt wurden und die untersuchenden Ärztinnen bei der Abstrichentnahme keinen Mundschutz und keine Schutzhandschuhe getragen hatten. Obwohl die Ärztinnen selber nicht erkrankten, durften sie vorläufig nicht weiter behandeln und mussten, behördlich verfügt, ihre Praxen eine Woche lang schließen. Nach dieser Übertreibung hat die niedersächsische Landesregierung vernünftigere Richtlinien herausgegeben: „Kontaktpersonen sollen informiert werden, sich beobachten und erst im Falle von Krankheitszeichen entsprechende Schutzmaßnahmen einleiten.“ Die vorherige amtliche Rigidität war wohl eine übermäßige Vorsichtsmaßnahme (und Machtdemonstration) aus (übertriebener) Furcht vor der neuen Grippe. Noch niemals wurde eine Epidemie bzw. Pandemie so voraus gesehen und vorab schon gefürchtet, mit heftigem Streit um Maßnahmen, Kosten und Kompetenzen. Im Leben tritt jedoch vieles, das vorher befürchtet wurde, nicht ein. Stattdessen geschieht manches, an das noch kaum einer gedacht hat. Gewiss ist die neue Grippe nicht unser wichtigstes Problem, mit dem aber Krankenkassen und Politiker schon im Gezerre um die marginalen Impfkosten sehr beschäftigt sind.

Die Voraussagen zur neuen Grippe

sind wohl ähnlich präzise und zuverlässig wie die Wettervorhersage: Oft kommt das Wetter so, wie prognostiziert – und manchmal anders. Die kurzfristigen Wetterprognosen sind fast immer zutreffend; weitere Prognosen sind unsicherer. Wer weiß schon, wie der nächste Winter wird – und dann der nächste Sommer?

Die Prognose der Grippeerkrankungen ist vergleichbar (un)gewiss: kurzfristig wissen wir erheblich viel; langfristig ziemlich wenig. Aber damit waren die Medien schon sehr beschäftigt. Im Vorfeld, aus allerlei spektakulären (und spekulativen) Darstellungen, konnte schon der Eindruck entstehen, da komme eine hochgefährliche, verheerende, in Tieren noch aggressiver mutierte („das Schweinegrippevirus nun auch in Vögeln“) auf uns zu. All das ist Spekulation. Tatsächlich hat ein marginal verändertes Grippevirus (das genetisch mit einem schweinepathogenen Virus verwandt ist) in mehreren Regionen etliche schwere Erkrankungen (mit) verursacht. Eine Besonderheit des neuen Grippevirus ist die frühe Ausbreitung: schon in der warmen Jahreszeit der jeweiligen Region. So konnte sich dieses Virus mit Touristen schnell weiter verbreiten. Weil das neue Virus dem Immunsystem der Menschen noch unbekannt ist, wirkt es ziemlich infektiös. Dennoch waren die bisherigen Krankheitsverläufe nicht wesentlich anders und nicht wesentlich schlimmer als die Grippeerkrankungen in früheren Jahren. Vermutlich wird auch diesmal nicht jeder Infizierte schwer daran erkranken. Die meisten Infektionen werden wohl leicht bis mittelschwer verlaufen. Bei allen Infizierten, nicht nur bei älteren oder chronisch kranken Menschen, sondern auch bei jüngeren, besonders immunaktiven, können jedoch schwere Komplikationen entstehen. Prinzipiell hat das Grippevirus kein Interesse daran, seinem Wirt schwer zu schaden oder gar ihn zu töten. Komplikationen entstehen durch bakterielle Sekundärinfektionen oder durch heftige Immunreaktionen (Entzündungen). Das Grippevirus hat bloß die Intention, sich in den Viruszellen zu vermehren und danach weitere Wirte zu infizieren. Dazu verändert es sporadisch seine Oberflächenantigene, um vom Immunsystem künftiger Wirte nicht gleich erkannt und abgewehrt zu werden. Diese Antigene werden aber nicht völlig neu gestaltet, sondern durch Rekombination aus bisherigen Grippeviren (bei paralleler Infektion eines Wirtes) neu variiert, eventuell noch mit ein paar Punktmutationen. So ist auch der Influenzavirus A H1/N1 2009 neu entstanden. Die genannten Details sind relevant, um zu verstehen, weshalb ein auch noch so fittes Immunsystem die Primärinfektion mit einem neuen Grippevirus (das zunächst noch unbekannt ist) nicht verhindern kann. Deshalb ist die Grippeimpfung ein intelligenter, ziemlich wirksamer (falls dabei die Antigene der eintreffenden Viren vorhanden waren), wenn auch nicht völlig unproblematischer Schachzug gegen eine Infektion, gegen eine Epidemie. Allerdings werden die Impfstoffe gegen das neue Influenza-A-Virus erst relativ spät vorhanden sein. Bis dahin entstehen wahrscheinlich schon etliche Infektionen. Auch deshalb ist es ratsam, nicht nur auf die Impfung zu bauen. Hinweisend auf eine Infektion mit Influenzaviren ist

• jäher Krankheitsbeginn

• mit Kopfschmerz, Abgeschlagenheit,

• Frieren, evtl. Schüttelfrost, Fieber,

• ausgeprägten Muskel- u. Gelenkschmerzen

• verstopfte Nase

• Kratzen und Brennen im Hals

• trockener Husten.
Wenn diese Symptome plötzlich und kombiniert auftreten, ist eine Grippeerkrankung (Infektion mit Influenzaviren) ziemlich wahrscheinlich. Dann sind die derartig Erkrankten gebeten, in ihrer Wohnung (am besten im Bett) zu bleiben und ihre Hausärztin/ihren Hausarzt zu verständigen. Bis zur möglichst zeitnahen ärztlichen Untersuchung und Therapie ist körperliche Schonung, Warmhalten (keine Wadenwickel, keine Kälteeinwirkung) und ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit (am besten: grüner Tee) ratsam. Dabei sollte das Anhusten von Pflege- und Kontaktpersonen vermieden werden (dazu kann ein Mund- und Nasenschutztuch sinnvoll sein) – und auch das Händeschütteln. So kann das Übertragen der Infektion vermindert werden. Wenn eine Infektion mit Influenza-A-Viren diagnostisch bestätigt wurde, besteht innerhalb von 48 Stunden nach Krankheitsbeginn die Möglichkeit, mit Medikamenten die Virusvermehrung einzudämmen. Gegen das geläufigste Mittel, das Oseltamivir (Handelsname Tamiflu), sind schon einige Grippevirusstämme resistent geworden. Das neue Influenza A H1/N1 09-Virus kann bisher noch damit gehemmt werden. Oseltamivir ist ein Hemmstoff der Neuraminidase, damit wird die Virusfreisetzung aus bereits infizierten Zellen (das heißt die weitere Ausbreitung) blockiert. Deshalb ist die Anwendung allenfalls in der Frühphase wirklich vorhandener Infektion erwägenswert: nicht später als nach 48 Stunden – und auch nicht zur Prophylaxe vor Ansteckung. Auch bei korrekter Indikation können Nebenwirkungen an der Leber, am Nervensystem und an der Blutbildung auftreten. Das (verschreibungspflichtige) „Grippemittel“ Oseltamivir sollte keinesfalls locker angewendet werden, nicht als Gießkannenmethode.

Die Komplikationen von Grippeinfektionen

Eine Besonderheit der Grippeviren ist ihre äußere Wandlungsfähigkeit. Dadurch können immer wieder neue Varianten entstehen, die vom Immunsystem nicht gleich erkannt werden – und damit immer Infektionen, immer wieder neue Epidemien. Diese Veränderung bzw. Tarnung ist der Hauptfaktor des alljährlichen Erfolges der Grippeviren: der erfolgreichen Ausbreitung. Weil Grippeviren sich vor allem vermehren und ausbreiten wollen, wäre es ungünstig für sie selber, ihre Wirte zu zerstören. Tatsächlich sind Influenzaviren immer wieder (durch äußere Verwandlung) sehr infektiös, aber darüber hinaus nicht sehr schädlich für den Wirtsorganismus. Zwar gehen die zuerst infizierten, virusvermehrenden Wirtszellen zugrunde – aber in kurzer Zeit, schon nach etlichen Stunden bis wenigen Tagen, kann ein intaktes Immunsystem die totale Ausbreitung im Körper verhindern: Die Infektion wird nach ein paar (unangenehmen) Tagen blockiert; entstandene Lücken werden durch Teilung gesunder Nachbarzellen ersetzt. Grippeviren sind infektiös und vermehrungsfreudig – aber nicht viel mehr. Aber was macht die Influenzavirusinfektion gefährlich – oder gar tödlich? Der Schlüssel zum Verlauf der Grippeerkrankungen liegt im Immunsystem. Den ersten Schritt, die Infektion, schaffen neue Grippeviren, da sie vom Immunsystem noch nicht erkannt werden. Danach bildet ein intaktes Immunsystem schnell blockierende Antikörper: Damit wird die weitere Ausbreitung im Organismus sowie die Infektiosität innerhalb weniger Tage beendet. Gefahr besteht bei unzureichendem geschwächtem (durch Vitalstoffmangel oder Vorerkrankungen) oder supprimiertem (durch manche Medikamente) Immunsystem: dann können sich die Viren massiv ausbreiten. Gefahr besteht aber auch bei übermäßigen Immunreaktionen: dann entstehen überschießende Entzündungen mit „overkill“, das heißt mit (manchmal schwerer) Beschädigung körpereigener Strukturen und Funktionen. Besonders gefürchtet ist der Zytokinsturm aus überreiztem Immunsystem (im jüngeren Lebensalter), der lebensgefährliche Entzündungen antreibt. Und drittens besteht Gefahr aus bakteriellen Sekundärinfektionen. Diese (häufige) Komplikation entsteht bekanntlich bei geschwächtem Immunsystem – jedoch (das ist weniger bekannt) auch bei Überreaktionen. Für die differenzierte Therapie ist wichtig zu wissen: Die Grippeerkrankung besteht nicht allein aus der Infektion, sondern vielmehr aus der Interaktion zwischen den Erregern (den Influenzaviren) und dem Immunsystem des Wirtes. Grippeviren infizieren Wirtszellen, um sich vermehren zu lassen. Doch die Erkrankung daran (die Grip-pe) wird vom Immunsystem des Wirtes bewirkt: die Krankheitssymptome – und ein erheblicher Teil der Komplikationen. Die Aktivitäten des Immunsystems sind durchaus zweischneidig: Einerseits limitieren sie die Infektion. Das ist sehr wichtig.

Andererseits – bei Überreaktion – greifen sie körpereigene Strukturen an und beschädigen den Organismus selber. Daher sollte die Therapie das Immunsystem bei dessen Einsatz gegen die Erreger unterstützen, jedoch andererseits zur Dämpfung überschießender Immunreaktionen beitragen. Das ist gewiss ein Balanceakt, bei dem manchmal therapeutische Fehler gemacht werden. Gerade für die Stärkung sowie die Balance des Immunsystems sind naturheilkundliche Mittel und Maßnahmen besonders geeignet. In der Frühphase einer Infektion, vor allem bei Fieberanstieg, ist körperliche und geistige Ruhe sowie Warmhalten (Wollkleidung, Decken) und reichliche Zufuhr (grüner Tee, Gerstenwasser) ratsam. Dem Gerstenwasser (2 Esslöffel Sprießkorngerste aus Bioanbau, Reformhaus, mit 1 Liter Wasser zehn Minuten lang sieden und abgießen) kann ein Teelöffel voll Kieselerde (Pulver oder Gel) beigefügt werden. Mit diesen einfachen, bewährten Basismaßnahmen wird die Arbeit des Immunsystems zur Infektionsbegrenzung gut unterstützt. So werden kontraproduktive fiebersenkende Mittel meist unnötig. Ohnehin rate ich von der Anwendung kühlender Wadenwickel ab, vor allem bei steigendem Fieber, um das Immunsystem nicht zu überreizen. Und keinesfalls dürfen an fiebernde Kinder und Jugendliche irgendwelche fiebersenkende Mittel („Grippemittel“) verabreicht werden, die Acetylsalicylsäure enthalten, weil mit diesen freiverkäuflichen Mitteln schwere, eventuell tödliche Komplikationen (Reye-Syndrom) entstehen können. Angenehm sind milde Nasensprays mit körperisotonen Salzlösungen und virushemmenden Pflanzenextrakten. Zum Schutz der Atemwegsschleimhäute, auch vor Sekundärinfektionen, ist das Meerrettichdestillat im Wechsel mit Thymiansaft sehr gut geeignet, bei quälendem Reizhusten zusätzlich der Spitzwegerichsaft (jedoch nicht bei Allergien gegen eine dieser Pflanzenarten anwenden). Mit den genannten Pflanzensäften wird die Bewältigung der Infektion erleichtert.

Überschießende Immunreaktionen sind stets ein Problem für den Organismus, manchmal chronisch – und bei der Grippe oft sehr akut. Daher ist die Anwendung langkettiger Omega-3-Fettsäuren sowie der Wirkstoffe von grünem Tee (Grüntee) und Granatapfel(-Muttersaft) sehr zu empfehlen. Mit der Kombination dieser

Pflanzenstoffe ist ein milder Schutz vor überschießenden Immunreaktionen und vermehrter Blutgerinnung möglich, zudem ein Schutz der Arterienwände und des Herzmuskels. So kann ein ganzheitlicher Beitrag zur Überwindung der Infektion und zur Verminderung von Komplikationen geleistet werden. Selbstverständlich sollte bei jeder Grippeerkrankung eine Ärztin/ein Arzt konsultiert werden. Keinesfalls sollen die Anmerkungen in diesem Text die ärztliche Diagnostik und Therapie ersetzen. Dabei müssen Sie nicht auf sinnvolle natürliche Möglichkeiten verzichten. Denken Sie an individuelle Hygiene, an Warmhalten, an Kieselerde, an Meerrettichdestillat, an Thymian- und Spitzwegerichsaft, an Omega-3-Fettsäuren, Grüntee und Granatapfelsaft?

Glossar

Alles verstanden? Falls nein, hier in unserem kleinen Wörterverzeichnis finden Sie Erklärungen zu weniger gängigen Fachausdrücken.

adsorbierend = anlagernd (absorbierend = aufnehmend)

Aerosol = ein Gas (Luft), das feste oder flüssige Stoffe in feinst verteilter Form enthält

Antigen = artfremdes Protein (Eiweißstoff), das im Körper die Bildung von Antikörpern bewirkt

Exspiration = Ausatmung

Genom = Chromosomensatz einer Zelle, der deren Erbmasse darstellt

Glykoprotein = Zusammensetzung aus Glykogen (im Organismus gespeichertes energiereiches Kohlenhydrat) und Protein (Eiweißstoff)

Hämagglutinin = Substanz, die eine Verklebung von roten Blutkörperchen bewirkt

Immunglobuline = Zusammensetzung aus immun (gegen Ansteckung gefeit) und Globulin, einem wichtigen Eiweißstoff des Organismus

isoton = mit gleichem osmotischen Druck (Osmose = das einseitig gerichtete Fließen einer Flüssigkeit durch eine teilweise durchlässige Wand bzw. Haut), hier wie der menschliche Blutkreislauf

Kontraindikation = Umstand, der die Anwendung einer an sich zweckmäßigen ärztlichen Maßnahme verbietet

marginal = in den unsicheren Bereich (zwischen zwei Entscheidungsmöglichkeiten) fallend; gering

Mutation = spontane oder künstlich erzeugte Veränderung im Erbgut

Neuraminidasen = Familie von Enzymen, die u.a. Glykoproteine verdaubar machen – kommen häufig in Viren, Bakterien, anderen Einzellern, Parasiten und Pilzen vor

Omega-3-Fettsäuren = ungesättigte Fettsäure, die als besonders gesund eingestuft ist – kommt in Fischen und pflanzlichen Ölen vor

Pandemie = Epidemie großen Ausmaßes; zeitlich und örtlich in besonders starkem Maße auftretende ansteckende Erkrankung

Pathogenität = Fähigkeit bestimmter Substanzen und Organismen, krankhafte Veränderungen im Organismus hervorzurufen

repliziert = wiederholt, biol. sich identisch vermehren

Reye-Syndrom = nach dem australischen Kinderarzt Ralph Douglas Reye benannte Erkrankung, die Gehirn und Leber schädigt, meist bei Kindern im Alter zwischen vier und neun Jahren auftritt und in nahezu der Hälfte der Fälle tödlich verläuft. Es besteht ein Zusammenhang mit vorangegangenen Virusinfektionen und der Einnahme von Acetylsalicylsäure, wobei der genaue Mechanismus nicht geklärt ist.

Rigidität = Unfähigkeit, sich wechselnden Bedingungen schnell anzupassen

RNA = Ribonukleinsäure. Eine wesentliche Funktion in der Zelle ist die Umsetzung von genetischen Informationen in Proteine (Eiweißstoffe)

Sekundärinfektion = Zweitinfektion eines bereits infizierten Organismus durch einen neuen, anderen Krankheitserreger

serologisch = die Serologie betreffend; Teilgebiet der Medizin, auf dem man sich mit der Diagnostizierung von Infektionskrankheiten aus den Veränderungen des Blutserums befasst

supprimiert = unterdrückt, zurückgedrängt

Zytokinsturm = Ansturm von körpereigenen Zytokinen; Glykoproteine, die regulierende Funktionen für das Wachstum und die Differenzierung von Zellen ausüben – einige spielen eine wichtige Rolle für Immunreaktionen.


„Die Influenza greift überaus rapid

um sich, wie dies von keiner

anderen Krankheit, selbst Cholera

oder gelbes Fieber, gesagt werden

kann!“

(aus dem Bericht einer Tageszeitung

von 1889)